Das Foto zeigt alle vier am Tag der Silberhochzeit. Es hängt seit einiger Zeit in seinem Zimmer als Teil einer Bildergalerie. Alle sehen fein darauf aus, in den besten Sachen – die Mutter hatte alle neu einkleiden lassen. Vor allem dem Vater sieht man den Unterschied an. Den grauen Anzug des jüngeren Sohnes kann man kaum erkennen, er steht hinter der Mutter auf der linken Seite. Zwischen dem älteren Sohn und den beiden, der Vater in der Mitte. Das Bild in Sepia, weil es so gut zum Rahmen passte und die Gewissheit trug, lange Zeit als künftiger Klassiker an der Wand zu hängen.
Er kann sich kaum mehr an das Bild erinnern. Erst als sie die Bilder der Feier sahen, viel ihm ein, dass sie es gemacht hatten. Dabei waren sie dafür vor die Scheune gegangen. Spontan, sagt das Bild, muss es gewesen sein. Die Mutter und der ältere Sohn schauen nicht in die Kamera, auch nicht in die gleiche Richtung, nur daneben. Es müssen Freunde und Verwandte neben dem Fotographen gestanden haben, die sie zum Lachen brachten. Sie alle lachen oder schmunzeln.
Er hat das Bild so oft angesehen und die Konstellation zu interpretieren versucht. Beim Besuch bei einer Freundin fragte er diese nach einem Bild an der Wand und der Anordnung ihrer Geschwister mit deren Berührungen und Blicken, ob sie zufällig seien oder gestellt. Er bekam ein fragendes Gesicht und ein Schulterzucken als Antwort. Später berichtete mir die Freundin von der Diskussion um das Bild, die meine Frage ausgelöst hatte. Das Bild war in seiner Anordnung nicht gestellt und trotzdem wies es Zusammenhänge auf, die nicht dem Zufall zu verschulden waren.
Der jüngere Sohn umklammert die Mutter an ihren Hüften. Der ältere Sohn umarmt den Vater mit seinem rechten Arm. Ob sich die Mutter und der Vater mit den Händen berühren, ist dem Bild nicht zu entnehmen. Passt das so oder stehen sie falsch? Der jüngere Bruder schmunzelt nur, als könne er nicht lachen und schaut dominant, als wolle er nicht lachen. Aber er kann doch lachen – mehr als alle anderen! Der Vater lacht, nicht über den gesamten Mund, als habe er etwas sagen wollen und dabei gelacht, während das Bild geschossen wurde – und dabei lacht er am wenigsten! Die Mutter lächelt halb entspannt und sieht elegant aus in ihrem Kleid. Sie schielt ein wenig und hat die Haare zu schön machen wollen und der älteste Sohn lacht am meisten. So als könne man das Schallen immer noch hören. Wie eine Comicfigur im Anzug. So natürlich, dass das Foto zum Schnappschuss wird, und doch irreal. Denn so lacht er normalerweise nicht. Die Haare liegen anders als sonst und so weiße Zähne hat er noch nie gehabt. Verzerrt, als sei es konstruiert. Das ist er eigentlich nicht, nie gewesen.
Das Bild hängt auch in der Küche der Eltern. Es war ein Geschenk des ältesten Sohnes, der kein besseres und es schön fand, aber nicht mehr findet. Wenn er zu Hause ist, steht er davor, obschon es in seinem eigenen Zimmer hängt, und starrt es an. Mit einem Kopfschütteln.