Dietrichs Hemd spannt vorne. Durch die Hüftrotation kompensiert er seine Ungelenkigkeit, vor allem die in den Knien. So ist Dietrich schnell, aber nicht filigran im Raucherbereich des Bahnsteigs. Die Zigarette brennt längst, nachdem sie lange vorher den Weg aus der Schachtel hinter das Ohr, wieder in die Hand und dann in den Mund gefunden hat. Endlich kann Dietrich sich entspannen. Während seine Augen auf das glühende Funkeln der Kippe schielen, hört das Zittern in den Händen langsam auf. Die Anspannung in seinem Gesicht löst sich, weil er den Rauch vor sich verfliegen sieht. Das Schnippen der Asche verläuft gewohnt reibungslos.
Thomas geht konzentriert die Treppe zum Bahnsteig hinauf. Wenn er unten mit einem Einzelschritt des linken Beines anfängt, kommt er oben mit dem rechten Bein an. Auf der zweiten Treppe ist das ebenso. Fängt er unten mit einem Doppelschritt an, muss er die erste Treppe mit rechts und die zweite Treppe mit links anfangen, um mit dem rechten Bein oben anzukommen. Thomas meistert souverän die Aufgabe, die ihm seine Angewohnheit stellt. Den optimalen Winkel zwischen Bahnhofsuhr, Anzeigetafel und voraussichtlichem Einstiegspunkt wählt Thomas ohne lange zu überlegen – die weißen geriffelten Mamorplatten auf dem Boden markieren seine Westentasche.
Margit steht schon lange ganz hinten. Sie starrt hinüber auf den anderen Bahnsteig, dort steht eine junge Frau. Margit schaut sie an, wenn sie sich sicher ist, dass diese nicht schaut. Wenn sie schaut, dreht Margit schnell den Kopf weg. Von oben bis unten begutachtet Margit die andere. Margit hat nicht solche Beine. Margit hat nicht solche Haare. Margit hat nicht das Geld für eine solche Tasche. Margit hat auch nicht so eine Souveränität. Margit könnte nie so aussehen. Aber vor allem kann Margit das neidische Aufzählen der Mängel ihrer selbst um ein Vielfaches erweitern. Würde ihr Mann hier stehen, würde er die junge Frau ebenfalls anstarren. Allerdings hätte der Anblick bei ihm hormonell eine ganz andere Wirkung.
Dietrich überlegt, wie er die Seminarsitzung, zu der er fährt, gleich einleitet. Vorbereitet ist er immer – das weiß er und das wissen seine Studenten. Er kann das vorbereitete Thema gut vermitteln. Locker macht er das aber nicht. Die kleinen rhetorischen Kniffe beispielsweise zu Beginn der Sitzung gehören zu jener Kunst, die sich Dietrich nie erschließen konnte. Würde man in der Uni rauchen können, wäre das sicher anders. Schließlich beruhigt ihn das Rauchen. Rauchend ist Dietrich gut.
Wäre das Unternehmen nicht auf die Idee gekommen, einige Autos doppelt zu besetzen, hätte Thomas sein beiges Auto immer mit nach Hause nehmen können. Dann müsste er es nicht ständig säubern, bevor er die Fahrt beginnt. Eugen, sein Kollege, frisst ständig diese Sonnenblumenkerne. Das passt zu ihm aber nicht zum Auto. Und Thomas passt das schon garnicht. Der präsentiert seinen Fahrgästen lieber einen sauberen Platz. Außerdem erhöht das die Chancen auf ein bisschen mehr Trinkgeld.
Heute morgen noch hat ihr Mann sich diese Frau auf der ersten Seite in der Bildzeitung so lange angesehen, dass Margit extra etwas Kaffee verschüttet hat, um die Aufmerksamkeit an sich zu reißen. Ständig diese geilen Augen. Dabei könnte er ihr ruhig mal etwas Aufmerksamkeit schenken. Sie würde sie bekommen, verriete sie ihm den Preis des neuen Seidenunterhemds, das sie nachts jetzt immer trägt. Aber dann nicht auf die gewünschte Weise. Es war sündhaft teuer. Sie würde es gerne mal wieder ausziehen für ihn und anschließend nackt im Bett einschlafen. Aber jeden Morgen steht Margit angezogen auf. Aber das ist eigentlich auch gut so wegen der Kinder.
Schon die dritte Zigarette hat er sich nun angezündet. Die stoische Ruhe ist in den massigen Körper zurückgekehrt. Mittlerweile sieht Dietrich ganz nett aus. Die Einleitung wird auch ständig überschätzt, was soll das auch, denkt er und entspannt das linke Bein während er das rechte Bein wieder belastet. Dietrich drückt die Zigarette im Aschenbecher über dem Mülleimer aus und beugt sich etwas nach vorn. Der Zug kommt und mit ihm Dietrichs erneute Aufregung.
Während der Zug einfährt, schaut Thomas auf die Uhr und bemerkt kopfschüttelnd die Verspätung von nunmehr 3 Minuten und 35 Sekunden. Thomas wird nicht zu spät kommen – er nimmt nicht ohne Grund einen früheren Zug. Dennoch kann er diese Unpünktlichkeit nicht leiden. Wenn das Jeder machen würde, die ganze Welt würde nicht mehr funktionieren, kommentiert Thomas gedanklich, freut sich aber dann, als er bemerkt, dass dann alle Menschen denen die Pünktlichkeit wichtig ist, mit ihm im Taxi fahren würden. Ein nettes Geschäft.
Die Bahn ist immer voll. Margit überlegt, hoffentlich bekomme ich einen Sitzplatz, nicht so wie gestern. Sie bemerkt den freien Platz, noch bevor sie den gut gekleideten Herrn daneben wahrnehmen kann. Auf die Frage nach dem freien Sitzplatz, die erst durch ein Stottern, dann durch ein tiefes Schlucken unterbrochen wird, erhält Margit ein Lächeln. Ein Lächeln, das so schön und ernst ist, dass Margit es festhalten möchte, wie eine Schneeflocke im März. Sie setzt sich und fühlt sich wohl und geborgen, zumindest für die nächsten 27 Minuten.