Die Szene spielt auf einer belebten Einkaufsstraße. Im Hintergrund prangt der Name einer großen Kaufhauskette auf großen Lettern. Rechts befindet sich eine Eisdiele, auf die viele Menschen in Erwartung einer kühlen Erfrischung zuströmen. Links an das Kaufhaus lehnt ein altes Haus, in dem sich eine Gemeinschaftspraxis niedergelassen hat. Das Wetter ist schön. Im Vordergrund steht ein Mann mit Peniskostüm.
Mit einem für Studenten astronomischen Stundenlohn hatte man ihn gelockt. Er, der das Geld nach der dritten Geldstrafe innerhalb eines Monats für geringfügige Vergehen, wie z.B. Pinkeln in der Öffentlichkeit, dringend gebraucht hatte, hatte sich über die wenigen Bewerber und die freundlichen Anwerber der Firma „Pariser“ zwar gewundert, sich aber doch über die Werbung für seine europäische Lieblingsstadt gefreut. Vielleicht hätte er das Kleingedruckte des Vertrages lesen sollen, obschon ihm der Begriff „phallusartige Kostümierung“ wahrscheinlich auch nicht geholfen hätte.
Vor zwei Stunden hat er auf dieser Straße angefangen Flyer zu verteilen, auf denen mit etwas Phantasie sogar der Eifelturm zu erkennen ist. Viele Kinder sind seit dem in der Hoffnung Gummibären in den quadratischen, bunten Tüten zu finden, die er verteilt, gekommen. Zu seinem gesellen sich also weitere Missverständnisse.
Fernab der Szene wird in einem dunklen Raum das erste Tütchen, das er verteilte von einem jungen Mann geöffnet werden, der vor seiner 17-jährigen nackten Freundin kniet. Der junge Mann wird sich über das feuchte Tütchen wundern, dann darüber nachdenken, ob es sich bei diesem seltsamen Teil über ein Kondom mit Erdbeer- oder Bananengeschmack handelt und zu spät merken, dass ihn dieser Gedanke die eigene Erektion gekostet hat und seine Freundin erneut fragen, ob sie ihm nicht ein bisschen „helfen“ könne. Diese wird sich zum dritten Mal zu ihm hinunterbeugen und sich wünschen auf der Party vor drei Wochen doch den besten Freund ihres jetzigen Freundes geküsst zu haben.
Während der letzten zwei Stunden ist ihm aufgefallen, dass er sich nicht bewegen muss, um Aufmerksamkeit zu erregen. Er erregt so schon genug. Die Menschen um ihn herum bemerken ihn schnell. Dabei gibt es zwei Reaktionen, deren Urheber sich in zwei Typen unterscheiden lassen:
Der Konservative
Alter: 45-90
Aussehen: Dauerwelle oder lichtes Haar.
Markenzeichen: Gemächlicher Schritt und schlechte Meinung über das Wetter
Reaktion: Kopfschütteln
Vermutlicher Gedanke: „Diese Jugend heutzutage“ oder „Früher hät‘s das nicht gegeben“
Der Moderne
Alter 0-45
Aussehen: Gegeltes Haar oder Ohrringe passend zur Kette.
Markenzeichen: Rudelauftreten mit dem Einlaufen zur Handymusik.
Reaktion: Lachen
Vermutlicher Gedanke: „Alter, sieht der scheiße aus!“ oder „Wann könnte ich…?“
Er entwickelt derweil eine stoische Haltung gegenüber der Peinlichkeit, die ihn beinahe alles ertragen lässt. Der Grund liegt nicht zuletzt daran, dass bereits jegliche Form der Demütigung über ihn hereingebrochen ist. Ein überaus witziger Typ, der ihn mit dem Spruch „Hätten deine Eltern die mal benutzt“ versuchte aufzuheitern. Ein Mädchen, dass vor Empörung versuchte, mit einem Fußtritt sein Genital zu treffen, nachdem er nach Vorschrift handelnd nach ihrem Alter gefragt hatte, was von außen betrachtet unfassbar komisch anmutete und jedem, der die Szene beobachtet hatte ein Lächeln auf die Lippen und eine tolle Geschichte für den Abend zauberte. Eine alte, senile Dame, die die Situation nicht recht verstand und ihn fragte, was er für eine Dienstleistung anbiete.
Der alten, senilen Dame und allen, die nun nicht wissen, um was es sich bei den Parisern handelt, sei dieser Einschub zur Lektüre empfohlen: Pa⎮ri⎮ser 〈im Sinne von „Verhütungsmitteln aus Paris“〉 der; -s, -: (salopp) ↑Präservativ.
Er selber würde sich ein paar Kondome einstecken und sie mit zum nächsten Festival nehmen, um sie dort aufzublasen und über die Menschenmenge hinweg steigen zu lassen. Vielleicht würde er selbst welche in einer ruhigen Minute ausprobieren, natürlich allein, da er Single ist, wie die letzten 19 Jahre seines Lebens auch, um den One-Night-Stand, den er seit seiner Geschlechtsreife mit einem betrunkenen Mädchen plant, nicht aufgrund leichter Schwächen oder Stärken platzen zu lassen.
Jahre später wird er die Erinnerung an diesen Tag vergessen und sich mit seinem Dasein als erbärmlicher Junggeselle abgefunden haben. Die Schmach, nie einen Pariser auf die dafür konzipierte Art und Weise angewendet zu haben, wird seinen Bruder belustigen, aber ihn lediglich ernüchtern. Dann wird er eine Neigung an sich entdeckt haben, die ihn seine Sorgen vergessen lassen wird. Eine Neigung die Anaclitismus genannt wird und eher unter dem Namen Windelfetischismus geläufig ist.
Doch jetzt steht er immer noch auf dieser Einkaufsstraße und schaut seiner bis dahin peinlichsten Situation seines Lebens entgegen. Nachdem sich zwei Jungen das Ziel gesetzt haben, Gummibärchen von hinten aus seiner Tasche zu klauen und er durch einen erniedrigenden Spruch eines türkischstämmigen Mitmenschens („Ey, kannst du spritzen, du Schwanz?“) abgelenkt ist, ertappt er die Jungen beim Diebstahl der vermeintlichen Gummibärchen, macht er einen hastigen Schritt nach hinten und fällt dabei über seine an den Versen angenähten Kostümtestikel, was ihn in seiner Standfestigkeit nachhaltig verunsichert. Ein großer Kostümphallus fällt zu Boden. Die Situation erzeugt beim zufällig vorbeigehenden Publikum sofort und erwartet spöttisches Gelächter und als Folge das hastige Verschlucken eines überforderten Mannes.
In der Tat hatte sein Vater während der Zeugung seines Sohnes nicht an die Pariser gedacht. Auf einer Bahnhofstoilette, die zuvor einem Penner als Haus und einem Fixer als Hilfe gedient hatte, erlangte er in einer durch den Anblick einer uniformierten Schaffnerin erregten Minute mit seiner Frau die finale Befreiung und später das Glück eines Vaters.
Während im Hintergrund immernoch der Name einer großen Kaufhauskette auf großen Lettern prangt und sich rechts noch immer eine Eisdiele befindet, auf die viele Menschen in Erwartung einer kühlen Erfrischung zuströmen und links an das Kaufhaus unberührt ein altes Haus, in dem sich eine Gemeinschaftspraxis niedergelassen hat, lehnt und das Wetter weiterhin schön ist, liegt im Vordergrund ein Mann mit Peniskostüm und denkt an Paris.
