Bestattung

13 11 2010

Karl zieht den Schlüssel aus dem Zündschloss. Er bleibt noch einen Augenblick im Wagen sitzen und legt die Hand auf seinen Oberschenkel, damit das Zittern aufhört. Er ist direkt nach der Arbeit hierher gefahren. Er atmet ruhig und wartet bis das Hämmern in seiner Brust nachgelassen hat. Anschließend öffnet er die Tür, windet sich aus dem Wagen, schließt die Tür zu und den Wagen ab. Er kontrolliert, ob das Auto wirklich verschlossen ist und macht sich unsicher auf den Weg.

Karls Kalender war durch die vielen Termine schon am Montag bunt wie ein Kinderbild. Der erste Tag nach dem Urlaub hatte schlecht begonnen. Zwei Kunden, einer unfreundlich mit einem erfüllbaren Wunsch. Der andere freundlich mit einem unerfüllbaren Wunsch: Radiowerbung für ein Bestattungsunternehmen.

Zu Hause angekommen wird Karl sich einen Kaffee machen und schweigen. Es wird niemand da sein, mit dem er reden kann. Er wird in sich hinein toben und von Glück denken, dass niemand zu Hause ist. Karl wird ruhig werden und den Kaffee wieder aufwischen. Beim zweiten Versuch wird er das Bedürfnis haben zu weinen, doch auch das wird ihm verwehrt bleiben.

Die Tür öffnet sich von allein. Eine Frau tritt heraus und hält Karl den Weg auf. Er bedankt sich und ist erfreut, dass es Menschen gibt, die diese Geste der Nächstenliebe genauso achten wie er. Die zweite Tür wird von Karl selbst geöffnet. Er sieht niemanden im Wartezimmer und auch hinter dem roten Tresen empfängt niemand. Karl schaut den Gang entlang und beschließt zu warten. Die Unterlagen hat er dabei.

Mittwoch im Theater hatte Karl sich etwas entspannen können. Er nahm die Hand neben ihm und lächelte. Er war nur wegen der leichten Schmerzen nachdenklich. Das Stück war lang. Es war ein schöner Abend. Er hat nur wenig vergessen.

Jahre später wird Karl gelassener über sich und seinen Körper urteilen. Er wird gelernt haben, mit der Krankheit umzugehen. Die Menschen, die sich um ihn kümmern, werden einen introvertierten Menschen vorfinden, der sie nicht nach ihrer Meinung oder Einstellung beurteilt. Die stoische Ruhe wird er bewahrt haben, ebenso die Dankbarkeit. Auf dem Weg dorthin wird er viel schlechte Laune vergraben und Norwegisch lernen. Er wird noch einmal in Rom gewesen sein. Natürlich wird er bis dahin endlich Balmorhea live gesehen haben.

Schließlich kommt die Praxishelferin. Sie trägt eine Jeans und Turnschuhe. Ein Pulli aus Wolle bedeckt den Rest. Sie ist schwarz und hat lange Haare. Karl kennt sie. An dieser jungen Frau stört Karl nicht, dass sie schwarz ist oder mit den Füßen über den Boden schlürt wie ein Teenager, wenn sie durch den Flur geht. Karl stört, dass sie dumm und inkompetent ist. Das hat er gleich beim ersten Termin bemerkt. Es mag sein, dass sie noch nicht lange da ist. Vielleicht lernt sie noch. Vielleicht hat sie gute Noten auf ihrem Bewerbungszeugnis. Vielleicht hat aber auch einfach nur jemand Mitleid gehabt, weil sie schwarz ist, denkt Karl.

Karl saß lange schweigend an seinem Schreibtisch und wartete auf die Idee, die eine Radiowerbung für ein Bestattungsunternehmen rechtfertigen würde. Das Radio schaltete wochenlang Werbung für sich selbst und so kamen selbst Bestattungsunternehmer auf die Idee im Radio Werbung machen zu können. „Radio, geht ins Ohr bleibt im Kopf.“

In der nächsten Woche, wenn Karl endlich den Arzt wird sprechen können, wird er die Szene drei Tage zuvor verdrängt haben. Das Wochenende wird Karl in Anspruch genommen haben und seine Gedanken von der Diagnose weg und hin zum Fußball treiben.

Bei der Radiowerbung musst du vorsichtig sein. Sie verfliegt schnell. Sie ist monosensuell und beansprucht nur den auditiven Sinn. Du musst also in Bildern sprechen. Aber dafür erreichst du mit Radio nahezu jeden und es ist billig. Man muss nur die Idee haben. Damit packst du sie. In diesem Fall ist das schwierig. Bleibst du auf dem Teppich, langweilt sich jeder. Hebst du ab, machst du dich angreifbar.

„Kann ich ihnen helfen?“ „Ja, ich komme grade von Dr. Klein und habe die Ergebnisse dabei. Ich würde sie gerne noch mit Dr. Markus besprechen.“ Die schwarze Arzthelferin lacht. „Nein, das geht heute nicht mehr.“ Sie lacht. Weiter nichts.

Karl hatte am Donnerstag nicht eine brauchbare Idee. Nur sarkastische, die er lustig fand, aber sicher keinen Kunden ansprechen würden. „Name des Unternehmens – denn sie sehen zu.“ „Sarg 1000 Euro, Grab 2000 Euro, Diagnose Nekrophilie beim Bestatter – unbezahlbar. Es gibt Dinge, die kann man kaufen, für alles andere gibt es Name des Unternehmens.“ „Freie Plätze in ,Gekonnt ins Gras beißen‘ und ,Löffel abgeben leicht gemacht‘. Anfängerkurse, keine Fortbildungen. Name des Unternehmens“.

„Kann ich bitte heute noch mit irgendeinem Arzt sprechen?“ „Nein, das geht nicht.“ „Könnten sie mir dann bitte einen Termin bei Herrn Dr. Markus geben?“ Die Maske der Freundlichkeit steht Karl ausgezeichnet. „Ja, aber der nächste, freie Termin ist erst in vier Wochen.“ Karl starrt die schwarze Arzthelferin an. Er spürt einen Kloß in seinem Hals und schluckt.

Auf dem Weg nach Hause, wird ihn der Radiowerbespot einholen. Karl wird festhalten und seine Wut in einer Idee konservieren: „Wer hat Angst vom schwarzen Mann? Niemand. Und wenn er kommt? Dann laufen wir zu… und dann der Name der Firma.“ Nur das zaubert ihm ein Lächeln der Genugtuung auf sein Gesicht. Arzt und Werbung für ein Bestattungsunternehmen – schwarzer Freitag.

„Wann ist Dr. Markus denn das nächste Mal wieder hier?“ „Am Montag.“ „Kann ich dann einfach vorbeikommen? Ich warte auch so lange wie nötig. Ich möchte nur kurz mit ihm sprechen, das dauert fünf Minuten. Bitte.“ „Ja, aber das dauert. Eigentlich müssen sie einen Termin haben. Haben sie akute Schmerzen?“ Wo ist denn das Problem. Ich hätte gerne einen Termin, bitte. Ändern Schmerzen daran etwas? „Nein.“ „Dann müssen sie auf den Termin warten, in vier Wochen ist einer frei.“ Ich fasse es nicht. Wo ist denn das Problem. Was glaubt sie, wer sie ist. „Kann ich Dr. Markus sprechen, wenn ich am Montag herkomme?“ „Ja, aber das dauert.“ Weg. „Gut, ich danke ihnen. Einen schönen Tag noch.“ Karl, freundlich,  geht.

Die Radiowerbung wird es nicht geben. Karl wird den Spot nicht vorstellen und das Bestattungsunternehmen wird nicht zufrieden sein. Radiowerbung für Bestatter bleibt nur im Kopf, geht nicht ins Ohr.

Die Diagnose von Dr. Klein nahm Karl nur starrend auf. Er hat nicht viel gesagt, er auch nicht. Karl hörte weiter nicht mehr zu. Dr. Klein versuchte zu erklären, wie es um ihn, also Karl, steht, und was weiter zu tun ist, also was er, Karl, weiter machen muss. Karl sah schon längst aus dem Fenster und flog.

Die erste Tür öffnet er schnell. Er beißt die Zähne zusammen. Karl reißt die zweite Tür auf und schluckt. Es wird schwer, die Tränen bis zum Auto zu unterdrücken.

 





Das Treppenhaus

9 10 2010

Der Wein tat gut. Silvaner aus dem Supermarkt für 2,99. Hat immer zu mir gehalten, so auch an diesem Abend, wenn auch als Einziger. Unten voller, ich oben auch. Meine Musik musste lauter werden. Im Gegensatz zu meiner Musik war die von unten allerdings konzeptionell in der Lage andere akustische Eindrücke zu übertönen. Türen knallen, Schritte stampfen, Musik laut – und dann die Stimmen, und ich konnte ihre Besitzer erkennen. Als Ablenkung half ein wenig: The American. Zu spät sollte ich merken, dass Identitätsverlust, Angst und Einsamkeit in diesem Film hierarchisch noch vor heroischem Töten mit Projektionsfläche für meine kühnsten Träume angeordnet waren. Bis zur 60sten von 90 Minuten hielt ich es aus. In der Rechnung des Weins: die Hälfte.

Die Maske saß. Mütze, Kippe, Lederjacke, Wein und das Longboard. Würde ich nicht im 2. Stock wohnen, wäre ich gesprungen. So musste ich durchs Treppenhaus. Das gleiche, das vom feiernden Pöbel und Abschaum zum Rauchen und Bier verschütten genutzt wurde. „Ey, soll ich dir mal ein paar Tricks auf dem Ding zeigen?“ Er meinte das Longboard. „Floyd, du auch hier?!“ Sie meinte mich. Ich war schon an ihnen vorbei. Bin an meinen Freunden auch vorbei, nur „Hey“. Ich stand schon unten auf der Straße als ich meinen Puls in Form und Gefühl einer Büffelherde zum ersten Mal seit Schließen der Wohnungstür wieder spürte. Die Frage nach den Longboard-Tricks hätte ich gerne mit Karate-Tricks beantwortet.

Oben an der Wertherstraße mit Wein, Fluppe und Herrn Frahm dann die Reflexion: „Ich bin der, der die Leute anspricht und nett ist. Ich kann nicht verstehen, wenn Leute nicht antworten. Ich bin doch nett und höflich. Aber grade eben konnte ich das nicht.“ Er verstand mich und antwortete: „Jeder hat das Mal. Das ist ok – ich verstehe dich.“ Diese Worte waren Erleichterung meiner Selbst, ich fiel. Ich konnte die Augen schließen und für einen kurzen Moment war alles gut. „Trinke noch einen Schluck, lasse die Flasche hier bei mir und fahre erst einmal eine Abfahrt, danach ist es besser, Floyd!“ Said and done.

Ein Traum. Was für ein Lied. Ein Flug. In der Nacht und leise. Rollen, Brett und ich schloß die Augen. Ein Lächeln auf den Lippen. Blood von The Middle East im Ohr und Thees‘ Worte im Kopf: „Wäre das hier alles, es würde mir genügen“.  Was für eine Abfahrt. Das letze Auto sah ich bevor ich losrollte, das erste nachdem ich abstieg. Ich machte mir keinen Kopf. Was für ein Moment. Ich bedankte mich. Epiphanie.

Der Weg nach oben sollte schlimmer werden als der Weg nach unten. Wie als Kind beim Zahnarzt: Dieser Geruch und die Geräusche, aber es führt ja doch kein Weg daran vorbei. Ich war nicht lange weg. Im Treppenhaus standen nun schon mehr Leute und Freunde. „Wie geht‘s dir?“ „Geht so, nicht so gut!“ „Das glaub ich, Mann, das glaub ich!“ Die beste, mir gestellte Frage ehrlicher Natur seit zu langer Zeit und ein kurzes, aber ergiebiges Gespräch – Danke Frank. Die Haare zerzaust, betrunken und lächelnd. „Alles gut?“ „Ja.“ Na dann ist doch alles super! Ich ging weiter. Was sich seit meiner Abwesenheit nicht verändert hatte, war der Typ auf der Treppe. „Ey, wo kommst du eigentlich her?“ Später sollte mir alles einfallen, aber da nur ein „von oben“. Was für ein Horst im Stapenhorst.

Oben hab ich geweint wie ein Kind, geschluchzt mit Wein. Ich hoffe, das passiert nie wieder. Diesen Abend wünsche ich meinem Feind. Und Horst.





Das Foto

26 07 2010

Das Foto zeigt alle vier am Tag der Silberhochzeit. Es hängt seit einiger Zeit in seinem Zimmer als Teil einer Bildergalerie. Alle sehen fein darauf aus, in den besten Sachen – die Mutter hatte alle neu einkleiden lassen. Vor allem dem Vater sieht man den Unterschied an. Den grauen Anzug des jüngeren Sohnes kann man kaum erkennen, er steht hinter der Mutter auf der linken Seite. Zwischen dem älteren Sohn und den beiden, der Vater in der Mitte. Das Bild in Sepia, weil es so gut zum Rahmen passte und die Gewissheit trug, lange Zeit als künftiger Klassiker an der Wand zu hängen.

Er kann sich kaum mehr an das Bild erinnern. Erst als sie die Bilder der Feier sahen, viel ihm ein, dass sie es gemacht hatten. Dabei waren sie dafür vor die Scheune gegangen. Spontan, sagt das Bild, muss es gewesen sein. Die Mutter und der ältere Sohn schauen nicht in die Kamera, auch nicht in die gleiche Richtung, nur daneben. Es müssen Freunde und Verwandte neben dem Fotographen gestanden haben, die sie zum Lachen brachten. Sie alle lachen oder schmunzeln.

Er hat das Bild so oft angesehen und die Konstellation zu interpretieren versucht. Beim Besuch bei einer Freundin fragte er diese nach einem Bild an der Wand und der Anordnung ihrer Geschwister mit deren Berührungen und Blicken, ob sie zufällig seien oder gestellt. Er bekam ein fragendes Gesicht und ein Schulterzucken als Antwort. Später berichtete mir die Freundin von der Diskussion um das Bild, die meine Frage ausgelöst hatte. Das Bild war in seiner Anordnung nicht gestellt und trotzdem wies es Zusammenhänge auf, die nicht dem Zufall zu verschulden waren.

Der jüngere Sohn umklammert die Mutter an ihren Hüften. Der ältere Sohn umarmt den Vater mit seinem rechten Arm. Ob sich die Mutter und der Vater mit den Händen berühren, ist dem Bild nicht zu entnehmen. Passt das so oder stehen sie falsch? Der jüngere Bruder schmunzelt nur, als könne er nicht lachen und schaut dominant, als wolle er nicht lachen. Aber er kann doch lachen – mehr als alle anderen! Der Vater lacht, nicht über den gesamten Mund, als habe er etwas sagen wollen und dabei gelacht, während das Bild geschossen wurde – und dabei lacht er am wenigsten! Die Mutter lächelt halb entspannt und sieht elegant aus in ihrem Kleid. Sie schielt ein wenig und hat die Haare zu schön machen wollen und der älteste Sohn lacht am meisten. So als könne man das Schallen immer noch hören. Wie eine Comicfigur im Anzug. So natürlich, dass das Foto zum Schnappschuss wird, und doch irreal. Denn so lacht er normalerweise nicht. Die Haare liegen anders als sonst und so weiße Zähne hat er noch nie gehabt. Verzerrt, als sei es konstruiert. Das ist er eigentlich nicht, nie gewesen.

Das Bild hängt auch in der Küche der Eltern. Es war ein Geschenk des ältesten Sohnes, der kein besseres und es schön fand, aber nicht mehr findet. Wenn er zu Hause ist, steht er davor, obschon es in seinem eigenen Zimmer hängt, und starrt es an. Mit einem Kopfschütteln.





Bahnsteig

4 07 2010

Dietrichs Hemd spannt vorne. Durch die Hüftrotation kompensiert er seine Ungelenkigkeit, vor allem die in den Knien. So ist Dietrich schnell, aber nicht filigran im Raucherbereich des Bahnsteigs. Die Zigarette brennt längst, nachdem sie lange vorher den Weg aus der Schachtel hinter das Ohr, wieder in die Hand und dann in den Mund gefunden hat. Endlich kann Dietrich sich entspannen. Während seine Augen auf das glühende Funkeln der Kippe schielen, hört das Zittern in den Händen langsam auf. Die Anspannung in seinem Gesicht löst sich, weil er den Rauch vor sich verfliegen sieht. Das Schnippen der Asche verläuft gewohnt reibungslos.

Thomas geht konzentriert die Treppe zum Bahnsteig hinauf. Wenn er unten mit einem Einzelschritt des linken Beines anfängt, kommt er oben mit dem rechten Bein an. Auf der zweiten Treppe ist das ebenso. Fängt er unten mit einem Doppelschritt an, muss er die erste Treppe mit rechts und die zweite Treppe mit links anfangen, um mit dem rechten Bein oben anzukommen. Thomas meistert souverän die Aufgabe, die ihm seine Angewohnheit stellt. Den optimalen Winkel zwischen Bahnhofsuhr, Anzeigetafel und voraussichtlichem Einstiegspunkt wählt Thomas ohne lange zu überlegen – die weißen geriffelten Mamorplatten auf dem Boden markieren seine Westentasche.

Margit steht schon lange ganz hinten. Sie starrt hinüber auf den anderen Bahnsteig, dort steht eine junge Frau. Margit schaut sie an, wenn sie sich sicher ist, dass diese nicht schaut. Wenn sie schaut, dreht Margit schnell den Kopf weg. Von oben bis unten begutachtet Margit die andere. Margit hat nicht solche Beine. Margit hat nicht solche Haare. Margit hat nicht das Geld für eine solche Tasche. Margit hat auch nicht so eine Souveränität. Margit könnte nie so aussehen. Aber vor allem kann Margit das neidische Aufzählen der Mängel ihrer selbst um ein Vielfaches erweitern. Würde ihr Mann hier stehen, würde er die junge Frau ebenfalls anstarren. Allerdings hätte der Anblick bei ihm hormonell eine ganz andere Wirkung.

Dietrich überlegt, wie er die Seminarsitzung, zu der er fährt, gleich einleitet. Vorbereitet ist er immer – das weiß er und das wissen seine Studenten. Er kann das vorbereitete Thema  gut vermitteln. Locker macht er das aber nicht. Die kleinen rhetorischen Kniffe beispielsweise zu Beginn der Sitzung gehören zu jener Kunst, die sich Dietrich nie erschließen konnte. Würde man in der Uni rauchen können, wäre das sicher anders. Schließlich beruhigt ihn das Rauchen. Rauchend ist Dietrich gut.

Wäre das Unternehmen nicht auf die Idee gekommen, einige Autos doppelt zu besetzen, hätte Thomas sein beiges Auto immer mit nach Hause nehmen können. Dann müsste er es nicht ständig säubern, bevor er die Fahrt beginnt. Eugen, sein Kollege, frisst ständig diese Sonnenblumenkerne. Das passt zu ihm aber nicht zum Auto. Und Thomas passt das schon garnicht. Der präsentiert seinen Fahrgästen lieber einen sauberen Platz. Außerdem erhöht das die Chancen auf ein bisschen mehr Trinkgeld.

Heute morgen noch hat ihr Mann sich diese Frau auf der ersten Seite in der Bildzeitung so lange angesehen, dass Margit extra etwas Kaffee verschüttet hat, um die Aufmerksamkeit an sich zu reißen. Ständig diese geilen Augen. Dabei könnte er ihr ruhig mal etwas Aufmerksamkeit schenken. Sie würde sie bekommen, verriete sie ihm den Preis des neuen Seidenunterhemds, das sie nachts jetzt immer trägt. Aber dann nicht auf die gewünschte Weise. Es war sündhaft teuer. Sie würde es gerne mal wieder ausziehen für ihn und anschließend nackt im Bett einschlafen. Aber jeden Morgen steht Margit angezogen auf. Aber das ist eigentlich auch gut so wegen der Kinder.

Schon die dritte Zigarette hat er sich nun angezündet. Die stoische Ruhe ist in den massigen Körper zurückgekehrt. Mittlerweile sieht Dietrich ganz nett aus. Die Einleitung wird auch ständig überschätzt, was soll das auch, denkt er und entspannt das linke Bein während er das rechte Bein wieder belastet. Dietrich drückt die Zigarette im Aschenbecher über dem Mülleimer aus und beugt sich etwas nach vorn. Der Zug kommt und mit ihm Dietrichs erneute Aufregung.

Während der Zug einfährt, schaut Thomas auf die Uhr und bemerkt kopfschüttelnd die Verspätung von nunmehr 3 Minuten und 35 Sekunden. Thomas wird nicht zu spät kommen – er nimmt nicht ohne Grund einen früheren Zug. Dennoch kann er diese Unpünktlichkeit nicht leiden. Wenn das Jeder machen würde, die ganze Welt würde nicht mehr funktionieren, kommentiert Thomas gedanklich, freut sich aber dann, als er bemerkt, dass dann alle Menschen denen die Pünktlichkeit wichtig ist, mit ihm im Taxi fahren würden. Ein nettes Geschäft.

Die Bahn ist immer voll. Margit überlegt, hoffentlich bekomme ich einen Sitzplatz, nicht so wie gestern. Sie bemerkt den freien Platz, noch bevor sie den gut gekleideten Herrn daneben wahrnehmen kann. Auf die Frage nach dem freien Sitzplatz, die erst durch ein Stottern, dann durch ein tiefes Schlucken unterbrochen wird, erhält Margit ein Lächeln. Ein Lächeln, das so schön und ernst ist, dass Margit es festhalten möchte, wie eine Schneeflocke im März. Sie setzt sich und fühlt sich wohl und geborgen, zumindest für die nächsten 27 Minuten.





Paris

1 07 2010

Die Szene spielt auf einer belebten Einkaufsstraße. Im Hintergrund prangt der Name einer großen Kaufhauskette auf großen Lettern. Rechts befindet sich eine Eisdiele, auf die viele Menschen in Erwartung einer kühlen Erfrischung zuströmen. Links an das Kaufhaus lehnt ein altes Haus, in dem sich eine Gemeinschaftspraxis niedergelassen hat. Das Wetter ist schön. Im Vordergrund steht ein Mann mit Peniskostüm.

Mit einem für Studenten astronomischen Stundenlohn hatte man ihn gelockt. Er, der das Geld nach der dritten Geldstrafe innerhalb eines Monats für geringfügige Vergehen, wie z.B. Pinkeln in der Öffentlichkeit, dringend gebraucht hatte, hatte sich über die wenigen Bewerber und die freundlichen Anwerber der Firma „Pariser“ zwar gewundert, sich aber doch über die Werbung für seine europäische Lieblingsstadt gefreut. Vielleicht hätte er das Kleingedruckte des Vertrages lesen sollen, obschon ihm der Begriff „phallusartige Kostümierung“ wahrscheinlich auch nicht geholfen hätte.

Vor zwei Stunden hat er auf dieser Straße angefangen Flyer zu verteilen, auf denen mit etwas Phantasie sogar der Eifelturm zu erkennen ist. Viele Kinder sind seit dem in der Hoffnung Gummibären in den quadratischen, bunten Tüten zu finden, die er verteilt, gekommen. Zu seinem gesellen sich also weitere Missverständnisse.

Fernab der Szene wird in einem dunklen Raum das erste Tütchen, das er verteilte von einem jungen Mann geöffnet werden, der vor seiner 17-jährigen nackten Freundin kniet. Der junge Mann wird sich über das feuchte Tütchen wundern, dann darüber nachdenken, ob es sich bei diesem seltsamen Teil über ein Kondom mit Erdbeer- oder Bananengeschmack handelt und zu spät merken, dass ihn dieser Gedanke die eigene Erektion gekostet hat und seine Freundin erneut fragen, ob sie ihm nicht ein bisschen „helfen“ könne. Diese wird sich zum dritten Mal zu ihm hinunterbeugen und sich wünschen auf der Party vor drei Wochen doch den besten Freund ihres jetzigen Freundes geküsst zu haben.

Während der letzten zwei Stunden ist ihm aufgefallen, dass er sich nicht bewegen muss, um Aufmerksamkeit zu erregen. Er erregt so schon genug. Die Menschen um ihn herum bemerken ihn schnell. Dabei gibt es zwei Reaktionen, deren Urheber sich in zwei Typen unterscheiden lassen:

Der Konservative

Alter: 45-90

Aussehen: Dauerwelle oder lichtes Haar.

Markenzeichen: Gemächlicher Schritt und schlechte Meinung über das Wetter

Reaktion: Kopfschütteln

Vermutlicher Gedanke: „Diese Jugend heutzutage“ oder „Früher hät‘s das nicht gegeben“

Der Moderne

Alter 0-45

Aussehen: Gegeltes Haar oder Ohrringe passend zur Kette.

Markenzeichen: Rudelauftreten mit dem Einlaufen zur Handymusik.

Reaktion: Lachen

Vermutlicher Gedanke: „Alter, sieht der scheiße aus!“ oder „Wann könnte ich…?“

Er entwickelt derweil eine stoische Haltung gegenüber der Peinlichkeit, die ihn beinahe alles ertragen lässt. Der Grund liegt nicht zuletzt daran, dass bereits jegliche Form der Demütigung über ihn hereingebrochen ist. Ein überaus witziger Typ, der ihn mit dem Spruch „Hätten deine Eltern die mal benutzt“ versuchte aufzuheitern. Ein Mädchen, dass vor Empörung versuchte, mit einem Fußtritt sein Genital zu treffen, nachdem er nach Vorschrift handelnd nach ihrem Alter gefragt hatte, was von außen betrachtet unfassbar komisch anmutete und jedem, der die Szene beobachtet hatte ein Lächeln auf die Lippen und eine tolle Geschichte für den Abend zauberte. Eine alte, senile Dame, die die Situation nicht recht verstand und ihn fragte, was er für eine Dienstleistung anbiete.

Der alten, senilen Dame und allen, die nun nicht wissen, um was es sich bei den Parisern handelt, sei dieser Einschub zur Lektüre empfohlen: Pa⎮ri⎮ser 〈im Sinne von „Verhütungsmitteln aus Paris“〉 der; -s, -: (salopp) ↑Präservativ.

Er selber würde sich ein paar Kondome einstecken und sie mit zum nächsten Festival nehmen, um sie dort aufzublasen und über die Menschenmenge hinweg steigen zu lassen. Vielleicht würde er selbst welche in einer ruhigen Minute ausprobieren, natürlich allein, da er Single ist, wie die letzten 19 Jahre seines Lebens auch, um den One-Night-Stand, den er seit seiner Geschlechtsreife mit einem betrunkenen Mädchen plant, nicht aufgrund leichter Schwächen oder Stärken platzen zu lassen.

Jahre später wird er die Erinnerung an diesen Tag vergessen und sich mit seinem Dasein als erbärmlicher Junggeselle abgefunden haben. Die Schmach, nie einen Pariser auf die dafür konzipierte Art und Weise angewendet zu haben, wird seinen Bruder belustigen, aber ihn lediglich ernüchtern. Dann wird er eine Neigung an sich entdeckt haben, die ihn seine Sorgen vergessen lassen wird. Eine Neigung die Anaclitismus genannt wird und eher unter dem Namen Windelfetischismus geläufig ist.

Doch jetzt steht er immer noch auf dieser Einkaufsstraße und schaut seiner bis dahin peinlichsten Situation seines Lebens entgegen. Nachdem sich zwei Jungen das Ziel gesetzt haben, Gummibärchen von hinten aus seiner Tasche zu klauen und er durch einen erniedrigenden Spruch eines türkischstämmigen Mitmenschens („Ey, kannst du spritzen, du Schwanz?“) abgelenkt ist, ertappt er die Jungen beim Diebstahl der vermeintlichen Gummibärchen, macht er einen hastigen Schritt nach hinten und fällt dabei über seine an den Versen angenähten Kostümtestikel, was ihn in seiner Standfestigkeit nachhaltig verunsichert. Ein großer Kostümphallus fällt zu Boden. Die Situation erzeugt beim zufällig vorbeigehenden Publikum sofort und erwartet spöttisches Gelächter und als Folge das hastige Verschlucken eines überforderten Mannes.

In der Tat hatte sein Vater während der Zeugung seines Sohnes nicht an die Pariser gedacht. Auf einer Bahnhofstoilette, die zuvor einem Penner als Haus und einem Fixer als Hilfe gedient hatte, erlangte er in einer durch den Anblick einer uniformierten Schaffnerin erregten Minute mit seiner Frau die finale Befreiung und später das Glück eines Vaters.

Während im Hintergrund immernoch der Name einer großen Kaufhauskette auf großen Lettern prangt und sich rechts noch immer eine Eisdiele befindet, auf die viele Menschen in Erwartung einer kühlen Erfrischung zuströmen und links an das Kaufhaus unberührt ein altes Haus, in dem sich eine Gemeinschaftspraxis niedergelassen hat, lehnt und das Wetter weiterhin schön ist, liegt im Vordergrund ein Mann mit Peniskostüm und denkt an Paris.





Unterstützte Kommunikation

31 05 2010

So, jetzt noch eben ne frische Windel und dann kannst du schlafen.

Floyd öffnet die Schnallen des Brustgurtes. Der Rollstuhl gibt Sebastian frei. Floyd hebt Sebastian erst nach oben und dann nach rechts auf das Bett. Das Bett hat Sebastian wieder. Erneuter Sieg für das Bett. Der Rollstuhl und das Bett stehen in einem stetigen Kampf um den Sieg über die obligatorischen Nutzungszeiten.

Sebastian verkrampft und schaut ungläubig nach oben als prüfe er das Bett auf seine Sicherheit. Floyd beugt sich über den elfjährigen und lächelt ihn an. Sebastian macht große Augen und beruhigt sich.

Alles gut? Geht es dir gut?

JA.

Ok, dann zieh ich dich mal aus.

Floyd knöpft Sebastian die Hose auf und reißt den Reißverschluss runter. Sebastians Beine fliegen hoch, die Hose löst sich vom Po und wird an den Fußenden von Sebastians Beinen gezogen. Sebastian kennt das von Floyd. Er mag das. Sebastian lacht dann immer.

Hui.

Jetzt nur noch den Schlüpfer. Gleiche Prozedur.

Hui.

Sebastian liegt breitbeinig auf dem Bett. Die Windel ist voll. Floyd kennt das von Sebastian.

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Er is die ganze Nacht auf misch. Ha. Die ganze Nacht, Bitsch.

Ach, leck misch, bei mir is er wach, voll da. Das is besser.

Fick disch, äh, isch bin gemütlicher. Das weiß jeda. Schau dir meine Matratze an – Federkern, Alter!

Isch hab Rollen.

Isch auch.

Das nennst du Rollen? Deine Mudda! Die Rollen sind mikro. Dreiradrollen.

Ehh, halts Maul.

Ja, was denn?

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Uijuijui.

Die Windel wandert in den Müll. Die neuen liegen auf dem Schrank. Floyd holt eine neue, frische Windel, klappt sie auf, faltet sie längs, um sie dann wieder auszubreiten. Es ist wahrscheinlich die 3482te Windel, die Floyd in seinem Leben wickelt.

Sonst gehts dir gut, Sebastian?

JA.

Ich hab heute morgen richtig lange geschlafen. Dann hab ich gefrühstückt und bin zur Arbeit gefahren. Hast du auch gefrühstückt?

JA.

Sicher wieder Schokomüsli, oder?

JA.

War das lecker?

JA.

Die neue CD find ich echt super. Du auch?

JA.

So, ich heb dich nochmal hoch.

Floyd greift mit dem einen Arm unter Sebastians Kniekehle, mit der Hand des anderen Arms positioniert er die Windel unter Sebastian. Er klebt die „Klebehose“ zu und zieht Sebastian den Schlüpfer wieder an.

Super machst du das. Richtig super. Dann geht das auch richtig schnell und gleich kannst du dich ganz entspannt ausruhen. Freust du dich schon?

JA.

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Deine Bremse is im Arsch. Ha. Ey, du bist so kaputt, ey.

Leck misch, Dreiradbett.

Der hat disch doch schon wieder vollgepisst. Du stinkst nach Pisse, Alter! Mega.

Ey, du lügst, man. Du stinkst. Riech mal genau hin. Der pisst disch auch immer voll.

Aber mein Lacken kann man wechseln. Deins nisch, Pussy.

Ach leck misch.

Ey lieber nisch ey!

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Sebastian bekommt noch eine dünne Schlafanzughose über, bevor er mit der Decke zugedeckt wird. Floyd dunkelt das Zimmer ab und lässt etwas Musik im Raum.

Dann schlaf mal schön, Sebastian.

JA.

Bis später.

JA.

Floyd schiebt den Rollstuhl aus dem Zimmer und schließt die Tür. Sieg für das Bett. Vorerst.





Das Gewitter

28 05 2010

Plötzlich stehe ich mutterseelen- allein da. Unter diesem kleinen Baum. Der Sturm war schon groß, ich bin gelaufen und nun stehe ich allein da. Ohne Glück bin ich in diesem Gewitter. Gestolpert bin ich und dabei wollte ich doch nur weg und mich unterstellen. Ich wollte, dass es sofort vorbei ist. Dieses Gewitter war so stark und ich hatte Angst, dass ich daran kaputt gehe. Ich war in Panik und affektiert. Dadurch hab ich alles nur noch schlimmer gemacht. Wieder gestolpert bin ich dann. Irgendwie war es schon den ganzen Tag ein bisschen düster gewesen, aber dass es jetzt so schlimm wird hatte ich nicht für möglich gehalten und das wollte ich auch eigentlich nicht. Aber ich konnte nichts machen. Oder hätte ich doch etwas machen können? Ich hätte weg bleiben sollen, dann wäre ich vielleicht sicherer gewesen. Weiter weg vom Gewitter, dass so nicht entstanden wäre. Dann hätte die Sonne geschienen und du wärst auch glücklich gewesen. Du wolltest es aber auch, ich konnte nichts machen! Und dann bin ich in alles hineingestolpert. Regungslos manchmal und schnell laufend, hastend unterwegs. Jeden Weg hast du mir verbaut, überall warst du und hattest mir Steine in den Weg gelegt! Jedes Mal! Und dabei war ich so gut. Ich war schnell, ja, aber ich war auch gut, das musst du zugeben. Ich war für dich da!

Vielleicht gehe ich einfach nach Hause und lasse das hier hinter mir. Das Gewitter und dich. Dann ist es egal, ob ich nass werde oder nicht. Dann werde ich halt gehen und nichts stört mich mehr. Weg bin ich dann, auf dem du eines Tages gehen kannst – mir egal! Ich könnte auch ganz woanders hin und nicht nach Hause. Irgendwas wird sich schon ergeben. Mal sehen wer mir ein Dach über dem Kopf schenkt. Und ein bisschen Milch. Stolz bin ich dann nicht, aber dann bin ich weg von dir. Obwohl ich das eigentlich nicht möchte.

Ich möchte dich an die Hand nehmen und dir sagen, dass es eine Zeit nach dem Gewitter geben wird. Dann gibt es keinen Regen mehr und keinen Sturm. Und dann renne ich auch nicht mehr, du wirst schon sehen. Ich kann dann auf dich aufpassen, glaube mir. Ich kann dann die Sonnen scheinen lassen. Dann ist der Regen nicht vergessen, aber die Sonne trocknet dann alles. Ich kann machen, dass es dir besser geht und dass es uns besser geht. Vielleicht kommt nochmal ein Sturm, aber dann laufen wir zusammen und dann sind wir schneller und besser. Ich halte dich dann fest und du hast keine Angst mehr. Oder nur noch ein bisschen. Dann finden wir einen Unterstand und dann finden wir uns. Wir können das schaffen. Wir sind die Guten. Wir sind top.

Komm wieder zu mir, die Sonne scheint hier schon wieder!






Das Gespräch

26 05 2010

Stell dich da in die Ecke, direkt hinter die Tür, dann kannst du schnell wieder raus, wenn was ist. Du hast niemanden im Rücken, das ist gut. Du kannst alle sehen. Schau auf den Boden, schau niemanden an, aber so, dass du alles mitbekommst, was um dich herum passiert, wirklich alles. Links, und wieder rechts. Nichts. Gut. Warte. Bültmannshof.

Ich mache mich klein, senke den Kopf, schaue auf den Boden, halte die Füße zusammen und meine Tasche fest. Ich habe die Ärmel hochgekrämpelt, damit ich jede Berührung spüre. Nur kurz schaue ich nach oben, vielleicht ist was. Die Bahn rüttelt alle so durch, die Köpfe wackeln dann immer, wie Zweige am Baum. Nett sehen die Menschen aus, aber viele reden gar nicht, vielleicht keine Lust, oder müde, oder beides. Ich möchte auch reden. Links, und wieder rechts. Nichts. Gut. Ich Warte. Graf-von-Stauffenberg-Straße.

Schau wieder nach unten, los, mach dich klein und den Leuten Platz, dann ist es gut. Lächle einfach, wenn was ist, wenn sich wer bedankt. Aber dann schau wieder nach unten. Du hast nur noch zwei Stationen, dann ist es wieder vorbei. Dann kannst du gehen, raus hier, weg. Bring deinen Puls wieder runter, du weißt, wie das geht. Ein und aus, Pause. Atme das Dreieck. Gut. Niemand interessiert sich für dich, alle sind mit sich selbst beschäftigt, das ist auch gut so, dann kommt keiner, und nichts ist. Mach weiter. Links, und wieder rechts. Nichts. Gut. Warte nur weiter. Dr-Oetker-Halle.

Die Tür geht auf, Menschen steigen aus, Menschen steigen ein, Tür zu. Und der rote Knopf leuchtet, wie in der Monster AG. Lustig. Und wieder dunkel im Zimmer, und in der Bahn. Ich bin allein, und bin es doch nicht. Oder bin ich nicht allein, und bin es doch. Ich weiß es nicht, ich weiß nicht was mehr da ist. Das ist traurig, dass ich das nicht weiß. Wenn mich wer verstehen würde. Meine Sprache sprechen nur die meinen, und die die ich kenne. Blöd. Links, und wieder rechts. Der da. Scheiße.

Schau ihn nicht an. Er geht aber auf mich zu. Dreh dich um. Ich dreh mich weg, aber der ist immer noch da. Der geht gleich wieder. Nein, er ist immer noch da. Dreh dich weiter weg. Er berührt mich. Dreh dich weg. Ich kann nicht, er ist da. Dann gib ihm den Zettel. Na los, bevor andere es mitbekommen. Nicht schon wieder der Zettel. ich will nicht. Den Zettel!  Den Zettel.

Hallo!

Ich bin Elke Teuber.

Ich bin taub-stumm.

Schreiben sie mir bitte

etwas auf einen Zettel.

Danke

Dreh dich wieder weg. Links, und wieder rechts, hat es wer mitbekommen. Immer noch der da. Scheiße. Siegfriedplatz. Raus, weg! Ist ja gut – weg.





Monster

24 01 2010

Das Geschrei dreier behinderter Kinder erfüllt den Raum. Der Fernseher schreit gegen die Glaswand, die ihn vor den täglichen Vandalismus-/Autismusattacken schützen soll, an. Der Bildschirm wirft hektisch gruselige Bilder über den Bildschirm. Ein Kind schreit, ein Monster erschrickt, drei behinderte Kinder lachen. Die MONSTER AG. Ein kurzer Blick bringt auch Floyd zum schmunzeln und ohne, dass er es bemerkt hat, sitzt er auch vor den Bildern. Er beobachtet das Treiben und ist fasziniert von der Negation des Angstcharakters: Nicht die Kinder erschrecken sich, sondern die Monster, die über aktivierte Türen (an den leuchtenden, roten Lichtern oberhalb zu erkennen) in die Schlafzimmer der Kinder zu gelangen, um aus deren Schreie Energie zu zapfen. Was für eine Idee. Großartig. Schnitt.

Nach einem behinderten Wochenende muss Floyd wieder in die Uni. Der Weg dorthin wie immer mit der Bahn. Dieses Reagenzglas der Sozial- und Psychologie- wissenschaftler. Ein Mythos. Alle Nutzer sind gezwungen ihre Distanzkreise zu brechen und verdammt nicht lauter als das Summen eines Kühlschrankes sprechen zu dürfen. Ähnlich wie im Fahrstuhl ist der Gedanke des Aussteigens näher als der des Fahrens selbst – die unbeachtete Last des Mittels zum Zweck. Floyd steht links. Die Bahn ist voll, alle Plätze sind besetzt. Es folgt der automatische Wechsel in den U-Bahn-Modus, den auch Floyd so gut trainiert hat: auf den Boden starren, Musik hören, ein Buch lesen oder einfach die Augen schließen – so wie jeder andere Nutzer auch. Floyd starrt apartisch, in sich versunken vor sich hin. „Nächster Halt: Rudolf-Oetker-Halle.“ Über der Tür leuchtet eine rote Lampe. Schnitt.

Floyd merkt: die Welt, in der er lebt, ist komisch. Die U-Bahn ist eine MONSTER AG. Starrende Augen, egozentrische Autisten und ein Zugführer, der ständig sein Bein aufs Amaturenbrett legt, als hätte er alles andere als die Verantwortung über 200 Monsterleben. Wenn er sich zu den Monstern meldet, versteht Floyd meistens nichts. „Naja die Monster werden es schon vertehen!“, denkt er dann und versucht nicht aufzufallen. Innen versuchen alle die Möglichkeit eines Monsterkörperkontaktes kategorisch auszuschließen – eine Berührung wird nämlich mit einem fauchenden Murren bestraft. Die üblich schleimige Entschuldigung folgt sofort. Weiter nichts. Das Aussteigen nach draußen klappt nur dann, wenn gleichzeitig niemand einsteigen will. Denn nur purer Egoismus lässt das übliche Warten zur doppelten Konvergenz und damit zum Zusammenprall werden. Floyd hat sogar schon ein mal Monster einsteigen lassen, bevor er sich ehrfürchtig an den hässlichen Fratzen vorbeigeschoben hat.  Er musste auch schon einmal warten, weil zu viele Monster noch immer nicht verstanden haben, dass der Gang seinen Ursprung im Gehen hat – und nicht im Stehen. Bisweilen war dieser, in den Monsterwelt offensichtlich als „Stang“ bezeichnete, also zu oft besetzt. Von versprochener mobiel-ität seitens der Beförderungsmonster kann da nicht die Rede sein; und das Wort „Fahrgast“ stammt aus einer Welt vor Floyds Zeit. Floyd hofft beständig weiter auf Besserung. Leider ist er selbst beim Hoffen allein, da die Monster zusätzlich das vortrefflich ausgebildet haben, was die Menschen Ignoranz nennen. Das ist so schade.

Neulich ist Floyd allerdings ein Mensch unter den ganzen schrecklichen Monstern begegnet. Als Floyd auf dem Weg nach Hause aus der Bahn steigen wollte, ließ ihm ein Mann den Vortritt: „Nach ihnen!“. Unfassbare Realität auch in einer Monsterwelt – aber es scheint sie noch zu geben. Mit ihrem edlen Schleier umhüllt sie ihre Begnadigten, attestiert Freundlichkeit und stößt mit ihrer Schönheit allseits auf gutmütige Augen: die alte Dame Höflichkeit.





Timm

24 01 2010

„Ich ging nach Hause, legte die Schallplatte von Sidney Bechet auf und hörte mich, der nicht ich und doch auch ich war, Klarinette spielen, versunken und zugleich doch ganz außer mir, spielte ich ein langes wunderbares Solo.
Ähnlich waren meine Versuche zu schreiben, ein Schreiben, das mich in mich hinein- und zugleich aus mir herausführte.“
Uwe Timm, Der Freund und der Fremde








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