Karl zieht den Schlüssel aus dem Zündschloss. Er bleibt noch einen Augenblick im Wagen sitzen und legt die Hand auf seinen Oberschenkel, damit das Zittern aufhört. Er ist direkt nach der Arbeit hierher gefahren. Er atmet ruhig und wartet bis das Hämmern in seiner Brust nachgelassen hat. Anschließend öffnet er die Tür, windet sich aus dem Wagen, schließt die Tür zu und den Wagen ab. Er kontrolliert, ob das Auto wirklich verschlossen ist und macht sich unsicher auf den Weg.
Karls Kalender war durch die vielen Termine schon am Montag bunt wie ein Kinderbild. Der erste Tag nach dem Urlaub hatte schlecht begonnen. Zwei Kunden, einer unfreundlich mit einem erfüllbaren Wunsch. Der andere freundlich mit einem unerfüllbaren Wunsch: Radiowerbung für ein Bestattungsunternehmen.
Zu Hause angekommen wird Karl sich einen Kaffee machen und schweigen. Es wird niemand da sein, mit dem er reden kann. Er wird in sich hinein toben und von Glück denken, dass niemand zu Hause ist. Karl wird ruhig werden und den Kaffee wieder aufwischen. Beim zweiten Versuch wird er das Bedürfnis haben zu weinen, doch auch das wird ihm verwehrt bleiben.
Die Tür öffnet sich von allein. Eine Frau tritt heraus und hält Karl den Weg auf. Er bedankt sich und ist erfreut, dass es Menschen gibt, die diese Geste der Nächstenliebe genauso achten wie er. Die zweite Tür wird von Karl selbst geöffnet. Er sieht niemanden im Wartezimmer und auch hinter dem roten Tresen empfängt niemand. Karl schaut den Gang entlang und beschließt zu warten. Die Unterlagen hat er dabei.
Mittwoch im Theater hatte Karl sich etwas entspannen können. Er nahm die Hand neben ihm und lächelte. Er war nur wegen der leichten Schmerzen nachdenklich. Das Stück war lang. Es war ein schöner Abend. Er hat nur wenig vergessen.
Jahre später wird Karl gelassener über sich und seinen Körper urteilen. Er wird gelernt haben, mit der Krankheit umzugehen. Die Menschen, die sich um ihn kümmern, werden einen introvertierten Menschen vorfinden, der sie nicht nach ihrer Meinung oder Einstellung beurteilt. Die stoische Ruhe wird er bewahrt haben, ebenso die Dankbarkeit. Auf dem Weg dorthin wird er viel schlechte Laune vergraben und Norwegisch lernen. Er wird noch einmal in Rom gewesen sein. Natürlich wird er bis dahin endlich Balmorhea live gesehen haben.
Schließlich kommt die Praxishelferin. Sie trägt eine Jeans und Turnschuhe. Ein Pulli aus Wolle bedeckt den Rest. Sie ist schwarz und hat lange Haare. Karl kennt sie. An dieser jungen Frau stört Karl nicht, dass sie schwarz ist oder mit den Füßen über den Boden schlürt wie ein Teenager, wenn sie durch den Flur geht. Karl stört, dass sie dumm und inkompetent ist. Das hat er gleich beim ersten Termin bemerkt. Es mag sein, dass sie noch nicht lange da ist. Vielleicht lernt sie noch. Vielleicht hat sie gute Noten auf ihrem Bewerbungszeugnis. Vielleicht hat aber auch einfach nur jemand Mitleid gehabt, weil sie schwarz ist, denkt Karl.
Karl saß lange schweigend an seinem Schreibtisch und wartete auf die Idee, die eine Radiowerbung für ein Bestattungsunternehmen rechtfertigen würde. Das Radio schaltete wochenlang Werbung für sich selbst und so kamen selbst Bestattungsunternehmer auf die Idee im Radio Werbung machen zu können. „Radio, geht ins Ohr bleibt im Kopf.“
In der nächsten Woche, wenn Karl endlich den Arzt wird sprechen können, wird er die Szene drei Tage zuvor verdrängt haben. Das Wochenende wird Karl in Anspruch genommen haben und seine Gedanken von der Diagnose weg und hin zum Fußball treiben.
Bei der Radiowerbung musst du vorsichtig sein. Sie verfliegt schnell. Sie ist monosensuell und beansprucht nur den auditiven Sinn. Du musst also in Bildern sprechen. Aber dafür erreichst du mit Radio nahezu jeden und es ist billig. Man muss nur die Idee haben. Damit packst du sie. In diesem Fall ist das schwierig. Bleibst du auf dem Teppich, langweilt sich jeder. Hebst du ab, machst du dich angreifbar.
„Kann ich ihnen helfen?“ „Ja, ich komme grade von Dr. Klein und habe die Ergebnisse dabei. Ich würde sie gerne noch mit Dr. Markus besprechen.“ Die schwarze Arzthelferin lacht. „Nein, das geht heute nicht mehr.“ Sie lacht. Weiter nichts.
Karl hatte am Donnerstag nicht eine brauchbare Idee. Nur sarkastische, die er lustig fand, aber sicher keinen Kunden ansprechen würden. „Name des Unternehmens – denn sie sehen zu.“ „Sarg 1000 Euro, Grab 2000 Euro, Diagnose Nekrophilie beim Bestatter – unbezahlbar. Es gibt Dinge, die kann man kaufen, für alles andere gibt es Name des Unternehmens.“ „Freie Plätze in ,Gekonnt ins Gras beißen‘ und ,Löffel abgeben leicht gemacht‘. Anfängerkurse, keine Fortbildungen. Name des Unternehmens“.
„Kann ich bitte heute noch mit irgendeinem Arzt sprechen?“ „Nein, das geht nicht.“ „Könnten sie mir dann bitte einen Termin bei Herrn Dr. Markus geben?“ Die Maske der Freundlichkeit steht Karl ausgezeichnet. „Ja, aber der nächste, freie Termin ist erst in vier Wochen.“ Karl starrt die schwarze Arzthelferin an. Er spürt einen Kloß in seinem Hals und schluckt.
Auf dem Weg nach Hause, wird ihn der Radiowerbespot einholen. Karl wird festhalten und seine Wut in einer Idee konservieren: „Wer hat Angst vom schwarzen Mann? Niemand. Und wenn er kommt? Dann laufen wir zu… und dann der Name der Firma.“ Nur das zaubert ihm ein Lächeln der Genugtuung auf sein Gesicht. Arzt und Werbung für ein Bestattungsunternehmen – schwarzer Freitag.
„Wann ist Dr. Markus denn das nächste Mal wieder hier?“ „Am Montag.“ „Kann ich dann einfach vorbeikommen? Ich warte auch so lange wie nötig. Ich möchte nur kurz mit ihm sprechen, das dauert fünf Minuten. Bitte.“ „Ja, aber das dauert. Eigentlich müssen sie einen Termin haben. Haben sie akute Schmerzen?“ Wo ist denn das Problem. Ich hätte gerne einen Termin, bitte. Ändern Schmerzen daran etwas? „Nein.“ „Dann müssen sie auf den Termin warten, in vier Wochen ist einer frei.“ Ich fasse es nicht. Wo ist denn das Problem. Was glaubt sie, wer sie ist. „Kann ich Dr. Markus sprechen, wenn ich am Montag herkomme?“ „Ja, aber das dauert.“ Weg. „Gut, ich danke ihnen. Einen schönen Tag noch.“ Karl, freundlich, geht.
Die Radiowerbung wird es nicht geben. Karl wird den Spot nicht vorstellen und das Bestattungsunternehmen wird nicht zufrieden sein. Radiowerbung für Bestatter bleibt nur im Kopf, geht nicht ins Ohr.
Die Diagnose von Dr. Klein nahm Karl nur starrend auf. Er hat nicht viel gesagt, er auch nicht. Karl hörte weiter nicht mehr zu. Dr. Klein versuchte zu erklären, wie es um ihn, also Karl, steht, und was weiter zu tun ist, also was er, Karl, weiter machen muss. Karl sah schon längst aus dem Fenster und flog.
Die erste Tür öffnet er schnell. Er beißt die Zähne zusammen. Karl reißt die zweite Tür auf und schluckt. Es wird schwer, die Tränen bis zum Auto zu unterdrücken.





